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FUSION - Kommunikationswerkstatt PDF Drucken E-Mail

Entwicklung und Erprobung von Werkzeugen zur Konstruktion von Identität und politischem Subjekt in der Migrationsgesellschaft

 2016 kann FUSION e.V. sein 20-jähriges Bestehen feiern.

Anlass für eine Reflexion der bisherigen Arbeit und eine Positionierung innerhalb der gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen.

Die Ausgangslage: Zeitenwende – Konfusion und Stacheldraht

Die seit Sommer 2015 sich überstürzenden Ereignisse, mit denen erstaunlicherweise niemand gerechnet hat, obwohl sie schon lange von kompetenten Seiten prognostiziert wurden, haben in Deutschland und in Europa zu einer Situation der Konfusion geführt. Wir teilen die Ansicht des Historikers Philipp Blom, dass die massenpsychologische Konsequenz aus der Gemengelage divergierender politischer Konzepte auf nationaler und europäischer Ebene, widersprüchlicher medialer Vermittlung und populistischer Instrumentalisierung durch etablierte Parteien und neu sich formierende rechte politische Gruppierungen ein gesellschaftlicher Zustand von Angst und Erregung ist, der jede Zeitenwende begleitet. Die epochale Veränderung wird nicht nur durch ökonomische Faktoren im Zug der Globalisierung und durch Klimawandel, Umwelt- und Ressourcenprobleme gekennzeichnet, sondern steht, wenn man den Aussagen und Prognosen des Migrationsforschers Klaus Jürgen Bade folgt, heute und auch in den nächsten Jahrzehnten stark unter dem Zeichen globaler Massenmigration. Zeitenwende heißt auch, dass alte Vorstellungen, Gewissheiten und Handlungsmuster ihre Erklärungskraft und Wirksamkeit verlieren und wir wieder vor der Frage stehen: Was geschieht hier eigentlich? Und: Was kann getan werden?  

Fakt ist, dass Deutschland, ohne es zu wollen, eine Migrationsgesellschaft geworden ist und lernen muss, mit dieser Tatsache umzugehen. Auch wenn momentan im Diskurs um Lösungen für das Migrationsproblem vor dem Hintergrund der Ängste in der Bevölkerung mit möglichst hohen Abschiebungszahlen und möglichst undurchlässigen Grenzen gepunktet wird, ist damit das Phänomen der Migration weder zu verstehen noch aus der Welt zu schaffen.  

Fakt ist auch, dass Europa gerade dabei ist, das Quentchen poltischer Identität, das sich im Lauf der Jahrzehnte im Schatten der alle anderen Bereiche dominierenden ökonomischen Identität eines gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraums gebildet hatte, zu verspielen. Die Berufung auf Werte wie Solidarität und gemeinsame Verantwortung, die weder in den bürokratischen  Institutionen noch in den Köpfen der europäischen Bevölkerung verwurzelt sind, bleibt wirkungslos. Die hohle Theatralik und auf billige Effekte abzielende Dramaturgie des von der politischen Schauspielertruppe aufgeführten Diskurses provozieren, nerven oder langweilen immer größere Teile des Publikums und demontieren Schritt für Schritt die Idee des politischen Subjekts als Souverän demokratisch verfasster Gesellschaften, an deren Konstruktion europäische Intelligenz jahrhundertelang unter großen Opfern gearbeitet hat.

Angst, Erregung und hysterischer Aktionismus überwuchern die letzten Fundamentreste der europäischen Aufklärung, aus den Ruinen der liberal orientierten Identität erstehen die altbekannten Muster des Autoritarismus, aus Nachbarländern mit offenen Grenzen werden eingezäunte Vaterländer, aus dem zeitweise relativ offenen europäischen Haus wird eine durch NATO und Frontex bewachte Festung, die den „besorgten Bürgern“ die Illusion von Sicherheit und Geborgenheit, von Schutz vor allen, die draußen sind, vermitteln soll. Die drohende Rückverwandlung des vermeintlichen Citoyen  als Souverän einer offenen demokratischen Gesellschaft, der zwar abstrakt gedacht aber nie konkret realisiert wurde, sondern im Stadium des Konsumenten eingefroren war, in den Volksgenossen als korporatives Basiselement einer geschlossenen Gesellschaft mit autoritärer Staatsstruktur   läßt ahnen, was auf dem Spiel steht.

Die unerträglichen Bilder von verzweifelten frustrierten Menschen vor Stacheldrahtzäunen in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze im Februar 2016 zeigen klar und eindeutig, wo wir angekommen sind und was viele bereit sind zu akzeptieren, um unseren vermeintlichen „Wohlstand“ zu wahren und den in Europa angehäuften materiellen Reichtum nicht teilen zu müssen.

 

 Was können wir tun?

I

Seit nunmehr 20 Jahren arbeitet der kleine gemeinnützige Verein FUSION e.V. mit der Idee, dass Migration ein Phänomen ist, das von Anfang an zur Geschichte der Menschheit gehört und dass der Umgang mit ihr bedeutsam ist für die menschliche Entwicklung, für die Prozesse der Entfaltung von gesellschaftlichen und kulturellen Konfigurationen, die Menschen sich schaffen und in denen sie leben.

Ein Grundprinzip unserer Arbeit war es, abstrakte Erkenntnisse, die in der Regel im akademischen und intellektuellen Diskurs gewonnen und verhandelt werden, also auf der Ebene der Theorie, in Möglichkeiten praktischer Anwendung auf der Ebene der Alltagswirklichkeit der Menschen in einer aktuellen problematischen  Gegenwartskonstellation zu überführen.

So entstand aus der Recherchearbeit zum Notting Hill Carnival in London, der ein aktuelles kulturelles Resultat ist einer über Jahrhunderte laufenden erzwungenen Migrationsbewegung, nämlich Sklavenhandel und Sklaverei auf den europäischen Zuckerrohrplantagen der sogenannten Neuen Welt, die Idee zum Karneval der Kulturen in Berlin Mitte der 90 er Jahre, in einer Zeit, als schon einmal Asylantenheime brannten und gegen den xenophoben Hass einer offen rassistischen Minderheit und die damals ebenso wie heute existierenden Ängste und Verunsicherungen in der Mehrheitsgesellschaft ein starkes und optimistisches kulturelles Symbol angebracht war, das es in dieser Form in Deutschland noch nicht gab. Dass der Karneval der Kulturen trotz seiner Defizite und seiner inzwischen nicht mehr sicheren Zukunft über viele Jahre einen zivilisatorischen Einfluss auf das Klima in der deutschen Hauptstadt hatte und die kulturelle Offenheit der Stadt stark mitprägte, ist nicht bestreitbar. Wesentliches Grundprinzip des Events und auch Ursache seines Erfolgs war die nicht nur theoretisch postulierte sondern praktisch ermöglichte Partizipation derer, um die es ging. Das Eventformat stellte Migranten die Straßen der deutschen Hauptstadt als  Bühne zur Verfügung, um sich sichtbar zu machen und zwar in einer selbstbestimmten kulturellen Ausdrucksform. Das uralte kulturelle Format Karneval  erlaubte wiederum eine Aufhebung der Trennung zwischen Publikum und Akteuren der Performance, eine neue horizontale Form der Kommunikation und Interaktion zwischen Deutschen und Migranten. Karneval bot die Möglichkeit der Emanzipation der Migranten aus der Objektrolle, ob als zu betreuendes Opfer oder als abzuwehrende Bedrohung, und ihre Neukonstruktion als gesellschaftliche Subjekte.

Damit erhielt der in Deutschland immer halbherzig und zögerlich bearbeitete Prozess der Integration eine neue Komponente und wurde in seiner Komplexität erkennbarer: Integration ist kein mechanischer Prozess, der technisch-bürokratisch konstruiert und durchgeführt werden kann in dem Sinne, dass etwas neu Hinzukommendes sich einfach in etwas altes Bestehendes einzufügen hat. Es handelt sich vielmehr um einen menschlichen Verständigungsprozess, der dem Eigensinn von Menschen Rechnung tragen muss, einen Prozess, in dem unterschiedliche Identitätskonstruktionen lernen müssen, sich wahrzunehmen, zu erkennen,  zu verständigen und auf von beiden Seiten akzeptierbare Regeln des Zusammenlebens zu einigen.

Integration als authentischer Prozess vollzieht sich in der Sphäre der Kommunikation und hat als wichtigstes Medium den Dialog in all seinen möglichen Formen: vom interpersonalen zum interkulturellen und politischen Dialog.  

Das waren für uns die wichtigsten Erkenntnisse aus der Karnevalserfahrung. Wir konnten direkt erleben, was die Teilnahme am Karneval mit gemeinsam produzierten spektakulären Kunstobjekten für Jugendliche aus dem Migrantenbezirk Nord-Neukölln bedeutete: die Ghetto-Identität der gesellschaftlich Ausgegrenzten öffnete sich für Möglichkeiten der Partizipation, neue Perspektiven der Verortung in der Gesellschaft wurden sichtbar, Motivation, etwas aus sich zu machen, eine aktive Rolle zu spielen, die eigenen Räume und Entwicklungsmöglichkeiten zu erweitern, wurde in dem Maße gestärkt, in dem das Selbstbewusstsein durch Wahrgenommen-Werden und Kommunikation mit der umgebenden Gesellschaft wuchs.

Die konsequente Anwendung von Prinzipien karnevalesker Ästhetik und die Erweiterung der Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten durch eine Vielzahl von Projekten, die die kreativen Potenziale der Kinder und Jugendlichen entwickeln und Kontakte und Kooperationen zu Menschen aus anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen herstellen, war Grundlage der langjährigen Arbeit von FUSION e.V. in der Neuköllner Rütlistraße.

Die Arbeit beruhte nicht primär auf pädagogischen Vorlagen und vorgefertigten Methoden und Handlungsmustern, die sich als nicht mehr ausreichend für die Bewältigung der Herausforderungen des während der 90er Jahre politisch abgeschriebenen und medial stigmatisierten Problembezirks erwiesen hatten, sondern war weitgehend experimentell und inspiriert von unserer Überzeugung, dass ein Ort freigesetzter Kreativität und Kooperation seine eigenen passenden Methoden findet und anwendet, um ein gesellschaftliches Problem, im konkreten Fall das Problem von Exklusion und Integration bzw. Inklusion, wirksam zu bearbeiten. Die Rütlistraße war für uns eine Art Landebahn für die im luftleeren Raum zwischen einem ominösen Dort und einem verschwommenen Hier schwebenden jungen Menschen, ein Ort zur Gewinnung eines Standpunkts, von dem aus sie sich in die Gesellschaft hineinarbeiten konnten. Dass dieses Konzept, das sich an der Realität des Bezirks, wie wir sie vorgefunden hatten, orientierte, irgendwann in Widerspruch zu poltischen Rahmenbedingungen, die ihren eigenen Interessen und Vorstellungen folgen und ihre eigene Agenda entwickeln, geraten musste, war so klar wie der Satz von Adorno, dass es nichts Richtiges im Falschen geben kann. [Unsere detaillierte Stellungnahme zum Ende der Arbeit in Neukölln kann weiter unten nachgelesen werden: Bildung ist Schulsache. Basta. Warum wir die Manege aufgeben müssen.]  

Allerdings entbindet die Erfahrung, dass vernunftbasiertes, kreatives und innovatives Handeln immer wieder in Konflikt gerät mit bürokratisch betonierten Partikularinteressen, nicht vom ethischen Imperativ, der in der Berufung auf aufgeklärte Vernunft selber steckt: Wege zu finden, um gesellschaftlich manifest zu werden. Alle Vektoren vernünftigen Denkens zeigen in dieselbe Richtung: In der Konfusion der aktuellen Welt lässt sich nicht gut und vor allem nicht nachhaltig leben. Die Vektoren zeigen in Richtung Veränderung, sie sind Zeichen der Notwendigkeit von Innovation.

In der spontanen Hilfe vieler Freiwilliger für die Geflüchteten zeigt sich, dass der moralische Imperativ durchaus noch gesellschaftlich wirksam ist, dass Solidarität und Mitmenschlichkeit keine leeren Phrasen sind. Hier muss angeknüpft werden bei der Suche nach Handlungsmöglichkeiten in einer Situation, in der manchen Politikern der Stacheldraht schon aus dem Mund wächst und der Geruch von brennenden Dachbalken manchen Zeitgenossen ein völkisches Glückserlebnis verschafft.

Ganz unabhängig davon, was zukünftig geschieht, ob die Migrationsbewegung ihre Intensität behält oder durch nationale oder europäische Maßnahmen abgeschwächt wird, ob Europa die Phantasie entwickeln kann und die Kraft findet, sich zu rekonstruieren oder in seine Einzelteile zerfällt, bleibt es Pflicht eines jeden vernunftbegabten Individuums, die Werte des Humanismus und der Aufklärung in seinem konkreten Leben, im Denken und Handeln, zu verteidigen und so weit wie möglich umzusetzen. Diese Werte zu kennen, zu schätzen und so zu internalisieren, dass danach gehandelt werden kann, sehen wir als zentralen Auftrag jeglicher Form von politischer Bildung und als Ausdruck sozialer Kompetenz.

Alle Projekte, die FUSION e.V. seit 20 Jahren konzipiert und durchführt, folgen dieser Maxime.    

II

Die temporäre oder dauerhafte Integration der geflüchteten Menschen in die Gesellschaft erweist sich vor dem Hintergrund sich verstärkender gesellschaftlicher Polarisierung und Desintegration als schwieriger und komplexer Prozess gesellschaftlicher, politischer und kultureller Modifikation. Für die Justierung unseres Bewusstseins auf die Bedingungen der Migrationsgesellschaft, die Chancen und Risiken dieser neuen Konfiguration, gibt es keine vorgefertigte allgemein gültige Betriebsanleitung.

Die erste Phase der aktuellen Migrationsbewegung, Erstunterbringung, Registrierung, Antragsstellung und –bearbeitung wird bewältigt durch eine einzigartige Kombination von institutioneller Improvisationsfähigkeit, oft auch –unfähigkeit durch Überforderung, und ehrenamtlichem Engagement. Schon an der Art und Weise, wie man Menschen in Deutschland willkommen heißt, scheiden sich die Geister. Was für die einen selbstverständlich ist, Menschen in Not zu helfen, ist für die anderen der Beginn des Untergangs des Abendlandes.

Um der Polarisierung und Desintegration entgegen zu wirken und möglichst viele Ansprüche des Wahlvolks gleichzeitig zufrieden zu stellen, werden schnelle Integration der Berechtigten (Kriegsflüchtlinge) und schnelle Abschiebung der Unberechtigten (Wirtschaftsflüchtlinge) zu Schlüsselelementen der politischen Programmatik.   

Ausgehend von dem Verständnis, dass Sprache und Arbeit Schlüsselelemente der Integration sind, wird seit Jahren versucht, den Integrationsprozess durch ein stark formalisiertes Angebot an Sprach- bzw. Integrationskursen zu gestalten, um die Eignung der Teilnehmer herzustellen für eine Vermittlung auf den Arbeitsmarkt.  Dieser auf abstrakt technokratischen Menschen- und Gesellschaftskonzepten beruhende Integrationsmasterplan stellt seine eingeschränkte Wirksamkeit nicht zuletzt dadurch unter Beweis, dass auf der Ebene des gesellschaftlichen Diskurses schon lange eine Art Hysterie vorzufinden ist, die sich in furchterregenden Bildern von rechtsfreien Räumen, unkontrollierbaren Parallelgesellschaften und der Angst vor der Abschaffung Deutschlands äußert. Auf der Seite der zu Integrierenden finden wir als Konsequenz der umgesetzten Integrationsstrategie häufig Rückzugsmanöver in traditionelle Denk- und Handlungsmuster mit Ablehnung aller westlich liberalen bzw. aufgeklärten Orientierungen bis hin zur Entscheidung Einzelner für radikale gewaltsam ausgerichtete Optionen. Über das, was falsch läuft, wenn junge Menschen mit Migrationshintergrund den wirren Traum vom Kalifat dem vorziehen, was unsere Gesellschaft ihnen bietet, muss man sich Gedanken machen, wenn man Integrationsstrategien entwirft und implementiert, die effizient sein sollen. Mit der alten Vorstellung von Integration, mit den bisher angewandten Handlungsmustern allein, ist das gewünschte Ergebnis nicht zu erreichen.

Wir sind es den geflüchteten Menschen aber auch unserem eigenen Land schuldig, dass in der auf die Aufnahme und Registrierung folgenden Phase neben den notwendigen Integrationsmodulen Spracherwerb, Wohnungs- und Arbeitsvermittlung auch Module kultureller Vermittlung entstehen, in denen unterschiedliche Vorstellungswelten in Kontakt und Kommunikation kommen und gemeinsam daran arbeiten, Segregation, Ghettobildung, antagonistische Parallelgesellschaften, ideologische Polarisierungen, alle Formen rhetorischer und physischer Gewalt durch einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu verhindern. Das Ziel des Integrationsprozesses besteht in dieser Sichtweise primär darin, dass aus dem Migranten, dem Flüchtling, dem Asylanten ein Bürger der deutschen Gesellschaft wird und dass der deutsche Eingeborene seine Bürgerlichkeit aus Angst und Erregung nicht vergisst, sondern den Neubürger als Mitbürger anerkennt und behandelt.

Integration ist insofern eine Leistung, die beide Seiten erbringen müssen. Sie besteht als praktische Handlung in der Überwindung des Fremdseins durch Aufeinander Zugehen, Begegnung und Kennenlernen. Der Schlüssel zu einem erweiterten und realitätsgerechteren Integrationsbegriff ist Kommunikation. Kommunikation kann überall stattfinden, auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt etc. Wenn Menschen miteinander reden, anstatt sich nur misstrauisch zu beäugen, hilft das immer und ist Zeichen einer offenen Zivilgesellschaft. Aber in der gegenwärtigen Situation kann Kommunikation intensiviert werden und mehr leisten, wenn  Kommunikationsorte und Kommunikationssituationen geschaffen werden, in denen zielgerichtet an der Konstruktion von Bewusstseinsformen gearbeitet wird, die den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen sind und die angstfrei und positiv gestalterisch damit umgehen können. Orte, an denen etwas entwickelt, erprobt und konstruiert wird, sind Werkstätten.

So kommen wir zum Konzept der Kommunikationswerkstatt als einem konkreten Ort, an dem partizipativ und kreativ-erfinderisch mit den Menschen, um die es geht,  Werkzeuge, Methoden und Aktionsformen entwickelt und ausprobiert werden, die Menschen über die Verbesserung ihrer kommunikativen, sozialen, politischen und kulturellen Kompetenzen zu gesellschaftlicher Teilhabe befähigen, die somit zur Konstruktion von Identität und politischem Subjekt in der Migrationsgesellschaft beitragen.

Der Spracherwerb ist nicht nur dafür notwendig, um vorgefertigte Regeln, Betriebsanleitungen und Botschaften, die in der Gesellschaft vorhanden sind, zu verstehen und befolgen zu können. Das wäre ein sehr eingeschränktes Verständnis von Sprache. Dieser Zweck ließe sich auch durch die Verwendung ikonographischer Zeichen erreichen, wie bei der Regelung des Straßenverkehrs oder in Flughäfen, wo Menschen mit unterschiedlichen Idiomen an die richtigen Stellen geleitet werden müssen. Sprache dient zuerst und vor allem dazu, dass Menschen sich etwas erzählen, ihre Geschichten austauschen und miteinander vergleichen können. Ausgehend von dieser narrativen Funktion erschließt sich der Sinn und das Potenzial von Spracherwerb erst voll, wenn Sprache in der Sphäre von Kommunikation genutzt wird, die wiederum erst durch angewandte Sprache, d.h. Miteinander-Sprechen konstituiert wird.   

Es geht also vor allem um die Verbesserung und Stärkung der Kommunikationskompetenz  aller am Integrationsprozess Beteiligten. Ausgrenzung, Exklusion als Gegenteil der zu schaffenden Inklusion, ist eine Konsequenz mangelnder Kommunikationskompetenz. Das gilt sowohl für das „Ausländerghetto“ als auch für die wachsende Gruppe der sozial Abgehängten unter den Eingeborenen mit den jeweils unterschiedlichen Vorstellungswelten, Projektionen, Vorurteilen und Schuldzuweisungen. Beide sind außerhalb des Ideals einer gesellschaftlichen Mitte mit gefestigtem aufgeklärt liberalem Wert- und Normensystem angesiedelt, also Parallelgesellschaften, die die zumindest als Idee immer beschworene gesellschaftliche Kohäsion bedrohen und die Spaltung der Gesellschaft in verfeindete Lager mit ihrer jeweils eigenen Lagermentalität vorantreiben.

Das Konzept der Kommunikationswerkstatt zur Stärkung der Kommunikationskompetenz gehört genuin in den Bereich politischer und gesellschaftlicher Bildung, da es inhaltlich und praktisch  auf die Stärkung und Konsolidierung eines aufgeklärten demokratischen Menschen- und Weltbilds in einer Zeit globaler Veränderungen orientiert ist und dazu beitragen soll, das vielfach gefährdete und bedrohte Zoon Politikón zu immunisieren gegen eine Rückverwandlung zur Bestie.

Kommunikationskompetenz ist aber nicht nur die logische Erweiterung der Sprachkompetenz, sondern auch Voraussetzung und Basis für alle Formen von sozialer Kompetenz, denn soziale Kompetenz entwickelt sich durch Praxis und Erfahrung in der Sphäre der Kommunikation. Soziale Kompetenz wiederum ist eine der wesentlichen Bedingungen, um sich, ob als Auszubildender, Arbeitnehmer oder selbständig, eine tragfähige ökonomische Existenz aufbauen zu können.  

Die Erarbeitung von Kommunikationskompetenz  lässt sich als das missing link, als das Desiderat bei der effizienteren Gestaltung eines nachhaltigen Integrationsprozesses identifizieren.

III

FUSION e.V. bemüht sich gegenwärtig, geeignete Orte und Kooperationspartner zu finden und praktikable Projektformate zu entwickeln, mit denen das Konzept Kommunikationswerkstatt  zur Stärkung der Kommunikationskompetenz als Ergänzung bzw. als Erweiterung bestehender Bildungslandschaften und Integrationsangebote  wirksam gemacht werden kann.

 
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